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    Fachbericht · März 2026

    Warum Zentrale Notaufnahmen strukturell überlastet sind – und wie digitale Patientensteuerung Krankenhäuser stabilisiert

    Telemedizin, MVZ-Integration und KI-gestützte Steuerungsarchitekturen als wirtschaftlicher Hebel für die Notfallversorgung 2026.

    Executive Summary

    Notaufnahmen in Deutschland sind nicht primär überlastet – sie sind strukturell fehlgesteuert.

    2024 wurden rund 13 Millionen ambulante Notfälle behandelt. 61 % verbleiben ambulant, bis zu 50 % wären potenziell vertragsärztlich behandelbar. Gleichzeitig schreiben über die Hälfte der Kliniken Verluste.

    Die Lösung liegt nicht in weiterer Prozessoptimierung innerhalb der Notaufnahme, sondern in einer sektorübergreifenden, digitalen Steuerungsarchitektur: digitale Triage, telemedizinische Erstversorgung, MVZ-Integration und KI-gestützte Ressourcensteuerung.

    Zentrale Kennzahlen zur Notfallversorgung (2024/2026)

    13 Mio.
    ambulante Notfälle (2024)
    61 %
    ambulant verbleibend
    30–50 %
    potenziell vertragsärztlich behandelbar
    56 %
    Kliniken mit Jahresverlust
    12,7 Mrd. €
    Defizit der Krankenhäuser

    1. Spannungsfeld aus Nachfrage, Vorhaltepflicht und wirtschaftlicher Krise

    Zentrale Notaufnahmen sind ein unverzichtbarer Bestandteil der Akut- und Notfallversorgung, gleichzeitig aber ein Bereich mit hoher struktureller Komplexität und beträchtlichen Vorhaltekosten. In Deutschland hat die Inanspruchnahme von Notfallambulanzen ein hohes Niveau erreicht und ist zuletzt erneut gestiegen. Für 2024 weist das Statistische Bundesamt rund 13,0 Mio. ambulante Notfälle in Krankenhaus-Notfallambulanzen aus – Höchststand seit Beginn der Erfassung 2018.

    Parallel zur hohen Nachfrage hat sich die wirtschaftliche Lage der Krankenhäuser in Deutschland deutlich verschärft. Der Krankenhaus Rating Report 2025 beschreibt für 2023 eine weitere Verschlechterung und berichtet auf Basis erster Schätzungen für 2024, dass 56 % der Kliniken einen Jahresverlust ausweisen könnten. Creditreform dokumentiert zwischen 2020 und 2024 insgesamt 88 Insolvenzen von Krankenhäusern und Kliniken in Deutschland.

    Die zentrale These dieses Beitrags lautet daher: Die wirtschaftliche Stabilisierung und die Entlastung der ZNA erfordern aktive Patientenlenkung. Diese wird erst durch eine digital gestützte Ersteinschätzung mit verbindlicher telemedizinischer Anschlussversorgung und MVZ-/ambulanten Partnerpfaden wirksam.

    2. Ökonomische Mechanik der Unterdeckung in ZNAs

    2.1 Vorhaltekosten und regulatorische Strukturvorgaben

    Zentrale Notaufnahmen sind keine variablen Leistungsbereiche, sondern strukturell hochgradig vorhalteintensive Einheiten. Mit der Einführung der gestuften Notfallversorgung wurden verbindliche Mindestanforderungen an personelle, apparative und organisatorische Strukturen definiert. Diese regulatorischen Anforderungen führen zu einem hohen Fixkostenanteil, der unabhängig von der individuellen Fallschwere entsteht.

    2.2 Erlösstruktur ambulanter Notfallbehandlungen

    Ambulante Notfallbehandlungen in Krankenhäusern werden überwiegend über EBM-Mechanismen vergütet. Gesundheitsökonomische Analysen zeigen, dass diese Vergütung häufig nicht kostendeckend ist. Die Notaufnahme wird damit betriebswirtschaftlich zu einem Hochkostenumfeld mit begrenztem Erlöspotenzial für ambulante Fälle.

    2.3 Fehlsteuerung als ökonomisches Strukturproblem

    Rund 61 % der ZNA-Fälle verbleiben ambulant, während der Anteil potenziell vertragsärztlich behandelbarer Selbsteinweiser auf 30–50 % geschätzt wird. Ökonomisch betrachtet entsteht ein klassischer Allokationsfehler, weil Ressourcen mit hohem Fixkostenanteil für Leistungen eingesetzt werden, die in einer niedrigeren Kostenstruktur erbracht werden könnten. Vor diesem Hintergrund wird die Fehlsteuerung in der Notfallversorgung zu einem existenziellen wirtschaftlichen Risiko.

    2.4 Strategischer Imperativ: Transformation statt Optimierung

    Die bisher dominierenden Maßnahmen zur Entlastung von Notaufnahmen konzentrierten sich auf interne Prozessoptimierungen. Diese adressieren jedoch Symptome, nicht die Ursache. Die zentrale Ursache liegt in der unzureichenden Steuerung von Patientinnen und Patienten in die adäquate Versorgungsebene. Krankenhäuser müssen die Zentrale Notaufnahme strukturell neu denken.

    3. Digitale Patientenlenkung als strukturelle Transformation

    3.1 Von Information zu Steuerung

    Bisherige Ansätze adressieren nur indirekt, was empirisch als Haupttreiber niedrig dringlicher ZNA-Besuche identifiziert wurde: Unsicherheit, schlechte Zugänglichkeit primärärztlicher Versorgung und die Wahrnehmung der Notaufnahme als „sicheren Ort". Es fehlt eine aktive, patientenzentrierte Steuerungsarchitektur, die unmittelbare Anschlussversorgung ermöglicht, anstatt nur Empfehlungen auszusprechen.

    3.2 Künstliche Intelligenz als Steuerungselement

    Die Einführung des Digitalen Gesundheitslotsen (DGL) am Universitätsklinikum Halle (Saale) stellt einen ersten operativen Schritt dar. Der DGL ist als Medizinprodukt ein zertifiziertes, neuronales System zur strukturierten, adaptiven Anamnese und Ersteinschätzung. Anders als frei lernende KI-Systeme basiert er auf einem kontrollierten, studienbasierten Wissensmodell.

    3.2.1 Home-Assessment

    Der DGL steht browserbasiert und anonym zur Verfügung. Nutzerinnen und Nutzer werden schrittweise durch eine adaptive Anamnese geführt, bis ein belastbares Bild zu Dringlichkeit, angemessener Versorgungsebene und möglichen Krankheitsursachen vorliegt. Das primäre Ziel ist eine gezielte Routing-Empfehlung in die richtige Versorgungsstufe.

    3.2.2 Voranamnese im Wartebereich der ZNA

    Im Wartebereich bearbeiten niedrig dringliche Fälle ein personalisiertes, digitales Assessment. Die Daten werden direkt an das Krankenhaus-Informationssystem angebunden. Diese strukturierte Voranamnese ermöglicht eine ruhigere Datenerhebung, eine systematische Abfrage und die Vermeidung redundanter Erstbefragungen.

    3.3 Systemische Wirkung: Steuerung statt Symptomkontrolle

    Die eigentliche strukturelle Wirkung entfaltet sich durch die konsequente Weiterentwicklung: Im präklinischen Szenario wird die digitale Ersteinschätzung unmittelbar mit einer telemedizinischen Konsultation verknüpft. Innerhalb der ZNA können niedrig komplexe Fälle gezielt in angebundene MVZ-Strukturen umgelenkt werden.

    3.4 Ganzheitliche Integration als Problemlöser

    Die eigentliche Innovationshöhe liegt nicht im Einsatz eines digitalen Anamnese-Systems allein, sondern in der strukturellen Verknüpfung mehrerer bislang isolierter Elemente: telemedizinische Anschlussversorgung als abrechenbare Erstversorgung, MVZ-Anbindung als kosteneffiziente Versorgungsebene, KI-gestützte Terminvorhaltung und prädiktive Steuerung sowie Skalierbarkeit durch universelle Anbindung an externe Partner.

    In dieser strukturellen Gesamtheit existiert derzeit kein flächendeckend etabliertes Vergleichsmodell im deutschen Versorgungssystem.

    4. Integrierte Steuerungsarchitektur als Problemlöser

    4.1 Proaktiv statt reaktiv

    Die traditionelle Logik der Notaufnahme ist reaktiv: Jede Person, die erscheint, wird versorgt, unabhängig davon, ob die gewählte Versorgungsstufe optimal ist. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen ist diese Logik nicht mehr tragfähig. Der Digitale Gesundheitslotse entfaltet seine Wirkung als Teil einer integrierten Steuerungsarchitektur, die präklinische Ersteinschätzung, unmittelbare telemedizinische Anschlussversorgung und gezielte Umlenkung in ambulante Strukturen verbindet.

    4.2 Ökonomischer Hebel durch Umlenkung und Ressourcenfokussierung

    Der ökonomische Effekt ergibt sich aus der Reduktion strukturell unterdeckter Fälle in der ZNA und der besseren Fokussierung hochqualifizierter Ressourcen auf tatsächlich dringliche Behandlungsbedarfe.

    Modellhafte Szenarioanalyse

    Ausgangsdaten (plausibles Referenzszenario):

    • 60.000 ZNA-Fälle pro Jahr
    • 61 % ambulante Fälle (≈ 36.600 Fälle)
    • Konservative Umlenkungsquote: 20 % → 7.320 Fälle/Jahr
    • Durchschnittliche Unterdeckung: 80 € pro Fall

    7.320 × 80 € = 585.600 € potenzielle Ergebnisverbesserung pro Jahr

    Bei 30 % Umlenkung oder 100 € Unterdeckung steigt das Potenzial in Richtung 1 Mio. €/Jahr. Nicht eingerechnet: reduzierte Wartezeiten, vermiedene Redundanzen, geringeres Haftungsrisiko.

    4.3 Gezielte Ressourcensteuerung und Zukunftsfähigkeit

    Die strukturierte digitale Anamnese erzeugt aggregierbare Datensätze bereits vor dem eigentlichen Versorgungskontakt. Diese ermöglichen Nachfrageanalysen in Echtzeit und vorausschauende Kapazitätssteuerung. Digitale Patientenlenkung wirkt somit nicht nur auf Einzelfallebene, sondern auf Systemebene. Die Notaufnahme wird wieder zu einem hochspezialisierten Versorgungssegment, eingebettet in ein intelligent gesteuertes Versorgungsnetz.

    5. Strategische Einordnung und Zukunftsperspektive

    Die wirtschaftliche Situation deutscher Krankenhäuser im Jahr 2026 erlaubt keine isolierten Optimierungsprojekte mehr. Digitale Patientenlenkung mit telemedizinischer Anschlussversorgung, MVZ-Integration und datenbasierter Ressourcensteuerung bietet einen konkreten Transformationspfad.

    Für Krankenhäuser bedeutet dies: wirtschaftliche Entlastung hochvorhaltiger Strukturen, strategische Vorbereitung auf integrierte Notfallzentren, verbesserte Positionierung im Wettbewerb um Fachkräfte sowie höhere Resilienz gegenüber Nachfragespitzen.

    Wer die Zukunftsfähigkeit der Notfallversorgung sichern will, muss Patientenströme aktiv gestalten, anstatt bestehende Prozesse zu optimieren.

    Wie DSC Krankenhäuser bei der Transformation der Notfallversorgung unterstützt

    Die DSC-Consult GmbH hat diesen Ansatz erstmals an einem deutschen Universitätsklinikum operativ umgesetzt – mit der Einführung des Digitalen Gesundheitslotsen am Universitätsklinikum Halle (Saale). Wir begleiten weitere Häuser bei der strukturellen Implementierung:

    Strategische Konzeption
    IT-Integration in bestehende Systeme
    Vergütungslogik & Abrechnungsmodelle
    Go-Live-Begleitung & Stabilisierung
    Skalierung für Klinikverbünde
    MVZ-Anbindung & Ambulantisierungsstrategien

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